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Die grüne Wolke

Deutschland 2000, Regie: Claus Strigel
frei nach "The Last Man Alive" von A. S. Neill
Spielfilm, 100 Minuten, Farbe
Altersempfehlung ab 10

Die Geschichten von Direktor Birnenstiel sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Die acht Schüler wollen etwas Neues, Noch-Nie-Dagewesenes hören. Wie wäre es denn mit der Story des letzten überlebenden Menschen auf der Erde? Also gut - Direktor Birnenstiel läßt sich nicht lumpen.

Die ultimative Geschichte der Menschheit beginnt.
Die Helden sind natürlich Direktor Birnenstiel und seine acht Schüler. Birnenstiels Freund, der amerikanische Milliardär Hoss, nimmt sie auf einen Kurztripp in den Weltraum mit. Von dort sehen sie deutlich eine grüne Wolke, die für einen Moment die Erde einhüllt.

Als die Weltraum-Ausflügler zum Mittagessen in die Schule zurückkehren, bietet sich ihnen ein groteskes Bild: Die grüne Wolke hat alle Menschen zu Stein erstarren lassen. Es scheint, als gäbe es nur noch zehn lebende Menschen auf der Erde: Direktor Birnenstiel, Milliardär Hoss und die acht Kinder, die der Geschichte lauschen.

Doch bald schleichen sich weitere seltsame Gestalten in die Story ein - ein kinderhassender Kaufhausmanager, der die Wolke in einem Bunker überstand, eine tiefgefrorene Schönheitskönigin und genmanipuliertes Gemüse mit Killerinstinkten. Die ultimative Frage lautet: Wer wird als letzter Mensch überleben? Direktor Birnenstiel läßt keine Zweifel aufkommen, dass er selbst diese Person sein will. Doch da hat er die Rechnung ohne seine Schüler gemacht. Eine phantasievolle Nacht lang mischt jeder in der turbulenten Geschichte kräftig mit.


Besprechung

17. Juli 1889, die Männer des Siebten Korps reiten durch das Tal des Todes, angeführt von "Old Birnstil". Eine Westerngeschichte, die keinen der zuhörenden Kinder vom Hocker reißt. Also versucht es der alte Birnenstiel, Direktor der Freien Schule Leuchtenberg, mit einer anderen Geschichte: In Shanghai tritt er als der Meister des Kung Fu auf, der die Kinder in hohem Bogen durch das Bambusdach befördert... Wie langweilig! Die Kinder Mark, Biene, Evi, Bernie, Golo, Jasmin, Don und Ronny haben die zündende Idee: Wie wäre es, wenn wir allein auf der Welt wären. Jetzt ist Birnenstiels Erzähltalent gefordert. Und er phantastiert auf Teufel komm raus, lässt seinen alten Freund, den multimilliardenschweren Kürbisfarmer Mr. Hoss mit einem Fun-Shuttle im Schulgarten landen und mit sich und den Kindern ins All starten, während auf der Erde eine grüne Wolke alle Menschen versteinert. Das hat sich Birnenstiel fein ausgedacht. Die Kinder sind begeistert - die Welt gehört jetzt ihnen. Sie schwören zusammenzuhalten wie Sekundenkleber, einer für alle, alle für einen.

Sie nutzen die grenzenlose Freiheit auf ihre Weise, bringen den guten alten Birnenstiel auf immer verwegenere Ideen. Als sie zum Beispiel im Schulpark mit Erdarbeiten für einen Swimming Pool starten, wird es ihm zu viel. War doch sein Traum von einer ruhigen Umgebung durch die Versteinerung aller Menschen erfüllt. Doch die acht Kinder lassen ihm keine Ruhe, beziehen ihn in ihre Geschichten ein. Er revanchiert sich und befreit zusammen mit Freund Hoss die französische Schönheitskönigin Lydia aus dem Tiefkühlschlaf. Und so geht es munter weiter, der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Ob es um Killertomaten in der Wüste Ghobi geht oder um den japanischen Professor, der sich im Selbstversuch mit einem Baum gekreuzt hat, um die Schwarz-Weiß-Gangster aus einem Mafiafilm, die sich in die Szene einklinken, oder um den heimlichen Überlebenden, Filialleiter Bremser, der die Kinder vernichten will - es kommt noch toller: Birnenstiel zeigt keine Skrupel, alle Kinder aus der Welt zu schaffen, damit er als Einziger überlebt, doch gegen den Protest der Kinder hat er schließlich keine Chance. Die Geschichte endet nach mehreren sich steigernden Show-Downs im Fun-Shuttle mit der Sichtung einer rosa Wolke...

Claus Strigel und das Team von Denkmal-Film München haben geschafft, was vorher schon andere vergeblich versucht hatten: Den Klassiker von Summerhill-Begründer Alexander S. Neill "The Last Man Alive" (Der letzte Überlebende) zu verfilmen. Bis man weiß, worum es geht, ist man schon mitten drin in der Erzählweise, die wie eine Zwiebel Schicht für Schicht sichtbar wird. Real ist eine Erzählnacht mit acht Kindern aus der 5 a der Freien Schule Leuchtenberg, die vom Direktor Birnenstiel - durch einen Beinbruch am Sportunterricht gehindert - entworfen wird, eine Abenteuergeschichte der Extraklasse. Seine Ausflüge ins Reich der Phantasie werden lebendig, die Kinder spielen mit und kommen immer wieder zurück in die Runde, um den Faden weiterzuspinnen. Ein reizvoller Wechsel zwischen Phantasie und Wirklichkeit, bei dem manchmal der feste Boden unter den Füßen verlorengeht. Es geht um Aktion und Interaktion, um Träume von Kindern, die sich gern selbst in aufregende Geschichten beamen würden. In diesem Film tun sie es und entwickeln - wie schon zu Summerhills Zeiten - blutrünstige Wünsche. Ihr Schwur vom Zusammenhalt scheint im Laufe der Geschichten allerdings immer mehr abhanden zu kommen, sie bevorzugen den Ego-Trip und Direktor Birnenstiel muss immer wieder an ihre Solidarität appellieren. Es dauert lange, bis die Kinder merken, dass es gar nicht so erstrebenswert ist, allein auf der Welt zu sein. Analog zu Neill, der seinerzeit erklärtermaßen das Verlangen "nach Blut und Donnergrollen" seiner Zuhörer stillen wollte und dafür viele Genres geplündert hatte, war es das erklärte Ziel von Claus Strigel, ebenfalls zu plündern - in den beliebten Filmgenres. Nichts ist nur angedeutet, sondern alles wird - manchmal zu realistisch - ausgespielt. Dabei wird tief in die Trickkiste gegriffen, die Oscar-Preisträger Tyron Montgomery bedient. Sympathisch, dass er keine gängige Computerkühle ins Spiel bringt, sondern bunte Skurrilitäten.

Alle Aufmerksamkeit gilt den überbordenden Geschichten an verschiedensten Schauplätzen in und außerhalb der Welt, die ganz nach Belieben Birnenstiels und der Kinder hervorgeholt und weggesteckt werden, denen nicht so ohne weiteres zu folgen ist. Die Orientierung wird zwar durch den real distanzierenden Blick einer digitalen Handkamera erleichtert, doch die Gleichzeitigkeit der Erzählstränge verlangt von einem jungen Publikum Filmerfahrung und Aufmerksamkeit. Weniger könnte in diesem Falle mehr sein, das heißt der Film ist etwas zu lang geraten. Und der eigenen Phantasie bleibt wenig Zeit und Raum - ein bisschen mehr Ruhe würde eine weitere Ebene, die der eigenen Bilder im Kopf, erschließen.

Bedauerlich, dass "Die grüne Wolke" nicht für das Kinderfilmfest der Berlinale 2001 ausgewählt wurde, denn trotz einiger Kritikpunkte hat Claus Strigel einen außergewöhnlichen Film inszeniert, der die Chance haben sollte, sich einem internationalen Wettbewerb und damit der Diskussion zu stellen.

Gudrun Lukasz-Aden und Christel Strobel (in: Kinder- und Jugendfilmkorrespondenz 85, Nr. 1/2001)



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